Energiewende und Versorgungssicherheit – ein Paradoxon?

10.05.2012

Der überwiegende Teil der Bevölkerung wünscht sich die Energiewende. Es ist abzusehen, dass die Ablehnung von Atomkraftwerken und unsauberen Kohlekraftwerken in den nächsten Jahrzehnten Bestand haben wird. Um die Versorgungssicherheit in Deutschland zu gewährleisten, sind deshalb mehrere Kraftakte gleichzeitig zu stemmen:

1) Da der Strom heute meist nicht vor Ort erzeugt wird, muss der Strom über weite Distanzen transportiert werden. Die Transportkapazitäten müssen beispielsweise aufgrund des Aufbaus der Windkraftanlagen in der Nordsee weiter erhöht werden. Vor allem in Nord-Süd-Richtung sind leistungsfähige Stromtrassen nötig, um die Versorgungssicherheit in den süddeutschen Industriezentren im Rahmen der Energiewende zu gewährleisten.

Christopher W. Grünewald, Vorsitzender des BDI-Ausschusse Energie- und Klimapolitik fordert im Rahmen des Netzausbaus mindestens 3600 Kilometer neue Übertragungsleitungen. Dementsprechend kritisiert er den bisher zu zögerlichen Ausbau der Übertragungsnetze um wenige Kilometer. Neben den Übertragungsnetzen müssen auch die Verteilnetze, die ein Vielfaches der Übertragungsnetze ausmachen, ebenfalls ausgebaut werden.

2) Strom, der nicht verbraucht wird, muss auch nicht erzeugt und nicht transportiert werden. Sowohl im privaten als auch gewerblichen Bereich bestehen weiterhin große Energiesparpotenziale. Mit zunehmendem Strompreis lohnen sich heute Investitionen in moderne, energieeffiziente Technik. Der Einsatz moderner Technik reicht jedoch nicht aus, da der Faktor Mensch eine große Rolle bei der Stromverschwendung spielt. So ist beispielsweise in fast allen Unternehmen zu beobachten, dass Computer während der Mittagspause nicht einmal in den Ruhemodus, sondern komplett angelassen werden. Es bietet sich also an, Mitarbeitern kurze Stromsparschulungen anzubieten – ähnlich den bereits seit Jahren angebotenen Spritspartrainings.

3) Als weitere Option bieten sich die weitere Verlagerungen von stromintensiven Produktionsanlagen in Gebiete mit exzellenter regionaler Stromerzeugung an. Versorgungssicherheit ist hier gegeben, weiterhin wird der Stromverlust auf dem Leitungsweg durch die kurzen Wege deutlich reduziert, die Verlagerungen minimieren auch die notwendigen Transportkapazitäten für den Fernstrom und führen folgerichtig zu geringeren Stromkosten. Weiterhin kann durch diese Entlastung der Stromnetze eine höhere Netzstabilität erreicht werden. Es ist also sinnvoll, die Wirtschaftlichkeit der Verlagerung von intensiven Stromverbrauchern zu prüfen und zu handeln.

Die Versorgungssicherheit sollte also trotz der Energiewende gewährleistet werden können. Festzuhalten bleibt, dass es sinnvoller erscheint, mehrere Wege gleichzeitig zu gehen, als auf den alleinigen Weg des schnellen Netzausbaus und ein „Weiter so“ zu setzen.